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Abwertungsbedarf wegen dauernder Wertminderung bei Wertpapieren des Anlagevermögens

In den letzten Jahren haben viele Unternehmen, aber auch Stiftungen und Verbände – auch aufgrund von Negativzinsen – ihre Finanzanlagen von festverzinslichen  Wertpapieren in stärkeren Wertschwankungen unterliegende Aktienbestände umgeschichtet. Sondereinflüsse wie die COVID-Pandemie oder der Ukraine-Krieg haben die Wertausschläge verstärkt. Nachdem der DAX in 2021 von knapp 14.000 auf knapp 16.000 Punkte gestiegen ist, hat der Ukraine-Krieg zu einem Kursrückgang in 2022 von mehr als 15 % geführt.


Hintergrund

Im handelsrechtlichen Jahresabschluss sind die Finanzanlagen mit den Anschaffungskosten ggfs. vermindert um außerplanmäßige Abschreibungen anzusetzen. Bei der Bewertung sind die Wertverhältnisse am Bilanzstichtag zugrundezulegen. Liegt am Bilanzstichtag eine voraussichtlich dauernde Wertminderung vor, besteht eine Abwertungspflicht, d. h. die Wertpapiere sind gem. § 253. Abs. 3 Satz 5 HGB mit dem niedrigeren beizulegenden Zeitwert anzusetzen. Der Zeitraum, ab dem von einer voraussichtlich dauernden Wertminderung auszugehen ist, wird im HGB nicht definiert. Im Zweifel ist, dem Vorsichtsprinzip folgend, von einer voraussichtlich dauernden Wertminderung auszugehen.


Steuerliche Regelung

Die Finanzverwaltung erkennt eine voraussichtlich dauernde Wertminderung bei börsennotierten Aktien, die als Finanzanlage gehalten werden, bereits an, wenn der Börsenwert zum Bilanzstichtag unter den Wert zum Anschaffungszeitpunt gesunken ist und dabei eine Bagatellgrenze von 5 % überschritten wird.


Handelsbilanzielle Regelung

Übliche Kursschwankungen allein führen handelsrechtlich nach h. M. nicht zu einer dauernden Wertminderung. Vielmehr ist zwischen dem aktuellen Kurs und dem (inneren) Wert zu differenzieren; Kriterien für eine dauernde Wertminderung sind demnach tatsächliche

Substanzverluste oder nachhaltig verschlechterte Zukunftsaussichten. Eine Anwendung der BFH-Rechtsprechung zu den Finanzanlagen in der Handelsbilanz kommt daher nicht in Betracht.

 

In der handelsrechtlichen Literatur wird stattdessen auf die bereits 2002 vom Versicherungsfachausschuss des IDW entwickelten Indizien für das Vorliegen einer voraussichtlich dauerhaften Wertminderung verwiesen (IDW RS VFA 2).


Kriterien des IDW RS VFA 2

Zur Beurteilung, ob eine dauerhafte Wertminderung vorliegt, sind gem. IDW RS VFA 2 folgende Indizien zu berücksichtigen:

  • Höhe der Differenz zwischen historischen Anschaffungskosten/Buchwert und Zeitwert der Wertpapiere am Bilanzstichtag
  • bisherige Dauer einer bereits eingetretenen Wertminderung
  • stark abweichender Kursverlauf des betreffenden Wertpapiers von der allgemeinen Kursentwicklung (z. B. Korrelation mit entsprechenden Indexwerten)
  • Substanzverluste des Emittenten bedingt durch betriebliche Verluste, Ausschüttungen oder Geldwertänderungen
  • Verschlechterungen der Zukunftsaussichten des Unternehmens bzw. der Branche, in der das Unternehmen tätig ist
  • erhebliche finanzielle Schwierigkeiten des Emittenten
  • hohe Wahrscheinlichkeit einer Insolvenz oder sonstiger Sanierungsbedarf des Emittenten


Die Aufgreifkriterien wurden vom VFA in seiner 149. Sitzung nochmal konkretisiert. Demnach ist im Zweifel von einer dauernden Wertminderung auszugehen, wenn der Buchwert in den letzten sechs Monaten vor dem Bilanzstichtag permanent um mehr als 20 % unterschritten wurde oder der Durchschnittswert der täglichen Börsenkurse in den letzten zwölf Monaten um mehr als 10 % unter dem Buchwert lag. Für die Dauerhaftigkeit der Wertminderung ist auch die Entwicklung bis zum Zeitpunkt der Bilanzaufstellung entscheidend; hat der Zeitwert den Buchwert zu diesem Zeitpunkt wieder erreicht oder sogar überschritten, war die Wertminderung nur vorübergehend.


Wird ein Aufgreifkriterium erfüllt, hat eine außerplanmäßige Abschreibung zu erfolgen. Ausnahmsweise kann die Abwertung unterbleiben, wenn das Unternehmen aufgrund nachweisbarer Umstände erwartet und begründet, dass die festgestellte Wertminderung voraussichtlich vorübergehend ist, und es beabsichtigt und in der Lage ist, das Wertpapier bis zum Zeitpunkt der erwarteten Erholung zu halten.


Praxishinweis

Die Kriterien des IDW RS VFA 2 sind als Orientierung für ein vom Unternehmen anzuwendendes Bewertungsschema zu verstehen. In der Praxis wird oft auch schon bei geringeren Wertminderungen eine Dauerhaftigkeit unterstellt und dementsprechend abgewertet. Im Übrigen besteht ein Wahlrecht, auch bei nur vorübergehenden Wertminderungen eine Abwertung vorzunehmen. Wichtig ist, dass keine „erratischen“ Einzelfall-Entscheidungen getroffen werden, sondern ein stetig geltendes Bewertungsschema zugrunde gelegt wird.


Für Beteiligungen ist der beizulegende Wert, unabhängig davon, ob die Anteile öffentlich gehandelt werden oder nicht, durch ein Ertragswert- oder DCF-Verfahren nach den Vorschriften des IDW RS HFA 10 zu ermitteln.

Cornelia Linde

Wirtschaftsprüferin Steuerberaterin

E-Mail:
cornelia.linde@falk-co.de


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